Die verletzte FrauDas MedienimperiumDer LeichenbergDer verstümmelte JungeDer General
Des Teufels General, die WAZ und das moralisierende hässliche Entlein
Eine Zeitungsdramolette von Ingo Munz

Personen:
WAZ: Ein Medienimperium

GENERAL NEUMANN: Vier-Sterne-General a. D. war von 1991 bis 1996 Generalinspekteur der Bundeswehr. Als Vorsitzender des Nato-Militärausschusses in Brüssel erwarb er sich hohes Ansehen für sein Mitwirken an Grundsatzentscheidungen im Kosovo-Konflikt. Naumann gehörte zu den Belastungszeugen im Milosevic-Prozess. Nach der Pensionierung 1999 wurde er vom Generalsekretär der Vereinten Nationen in ein Gremium zur Reform der UN-Friedensmissionen berufen.

DAS MORALISIERENDE HÄSSLICHE ENTLEIN: Eine Nestbeschmutzerin.



VORSPIEL AUF DEM THEATER:
Hochverehrtes Publikum,
Halten Sie uns nicht für dumm,
Wenn wir nun ein paar Strophen singen,
Die nicht nach großer Dichtung klingen.
Denn die Diktion der WAZ
Und Ausdrucksart des Generals
Sind nicht etwa frei erfunden,
Sondern in der WAZ gefunden.
Am 27. November 2006,
Würdig eines großen Gags,
Stand exponiert in großen Lettern,
Was wir nun um die Ohren schmettern.

WAZ:
Herr Naumann, Ihnen wird nachgesagt, Sie hätten der Bundeswehr Drückebergerei vorgeworfen.

GENERAL NEUMANN:
Das ist blanker Unsinn, einen solchen Vorwurf habe ich nie erhoben. Ich habe mich dafür ausgesprochen, dass deutsche Soldaten im Notfall durchaus im Süden Afghanistans bei Kampfhandlungen eingesetzt werden.

WAZ:
Im Grunde haben Regierung, Opposition und Öffentlichkeit Angst vor dem Tabubruch: dass deutsche Soldaten töten und getötet werden.

GENERAL NEUMANN:
Das würde ich nicht ausschließen, aber damit müssen Öffentlichkeit wie Politik fertig werden. Vergessen wir nicht, dass wir schon in der Zeit des Kalten Krieges damit gerechnet haben, zu töten und getötet zu werden. Neu ist, dass dies geschehen kann, während Deutschland im tiefsten Frieden lebt.

DAS MORALISIERENDE HÄSSLICHE ENTLEIN:
Wollt ihr den totalen Krieg, endlich mal wieder? Denn bedrohlich wirkt der Frieden, diese Ruhe vor dem Sturm.

WAZ:
Wobei die Bedrohung heute noch sehr weit entfernt ist.

GENERAL NEUMANN:
In der Tat. Wir feiern bei uns die Fußball-Weltmeisterschaft und auf der anderen Seite der Welt befinden wir uns im Krieg. Den Engländern ist diese Situation längst vertraut.

DAS MORALISIERENDE HÄSSLICHE ENTLEIN:
Mit ihren „friedenserzwingenden“ Auslandseinsätzen sind die Engländer seit Jahrzehnten so erfolgreich wie bei Fußball-Weltmeisterschaften.

GENERAL NAUMANN:
Auch wir müssen uns daran gewöhnen, den Risiken in der Ferne zu begegnen, damit die Gefahr gar nicht erst nach Deutschland kommt.

WAZ:
Wie gefährlich sind die Taliban?

GENERAL NEUMANN:
Das ist schwer zu sagen. Fest steht, dass es der Nato nicht gelungen ist, den Menschen im Süden Afghanistans deutlich zu machen, dass die Nato-Staaten gekommen sind, um ihnen zu helfen. Und solange gekämpft wird, gibt es keinen Wiederaufbau. Weil es bislang nicht gelang, die Herzen der Menschen zu gewinnen, haben die Taliban Zulauf.

DAS MORALISIERENDE HÄSSLICHE ENTLEIN:
Wirklich ein komisches Völkchen, diese Afghanen. Da zerbombt man Land und Leute und was ist der Dank? Sie verriegeln ihre Herzen!

WAZ:
Wie sollte also die weitere Vorgehensweise aussehen?

GENERAL NEUMANN:
Phase 1: Widerstand beseitigen und Sicherheit herstellen

DAS MORALISIERENDE HÄSSLICHE ENTLEIN:
Das heißt auf Deutsch: Weiter Menschen töten.

GENERAL NEUMANN:
Phase 2: Sicherheit stabilisieren.

DAS MORALISIERENDE HÄSSLICHE ENTLEIN:
Sicherheit stabilisieren heißt: Gegen den Willen des Volkes Marionetten der Besatzungsmacht installieren, Unmut heraufbeschwören und dabei zusehen, wie sich die Parteien gegenseitig in die Luft jagen. Kurzum, den Bürgerkrieg weitsichtig vorbereiten.

GENERAL NEUMANN:
Phase 3: sofort einsetzender Wiederaufbau. Das verlangt mehr als nur militärischen Einsatz. Das setzt voraus, dass alle Länder ihre Vorbehalte aufgeben. Die Vorbehalte sind kein Problem der Deutschen allein.

DAS MORALISIERENDE HÄSSLICHE ENTLEIN:
Sofort einsetzender Wiederaufbau kann zweierlei heißen:
1. Sofort abziehen, Chaos hinterlassen und Bürgerkriege heraufbeschwören, ohne den Schutt und die Asche wegzuräumen, wie z. B. im Vietnam und bald im Irak; oder
2. Den Schlange stehenden Unternehmen des Westens Aufträge zuschachern und unsere Wirtschaft ankurbeln. Damit Afghanen endlich auch Hamburger essen können und Kabuls Innenstadt so schön bunt und vielfältig gedeiht wie unsere Stadtzentren.
Generell gilt: Autobahnen bei uns zu bauen, ist teuer geworden. Bauen wir nun also in Afghanistan. Im Übrigen heißt Vorbehalte aufgeben: Endlich wieder ohne schlechtes Gewissen töten zu dürfen.

EPILOG:
Dem General schon jetzt gebührt ein Dank,
Denn bald reicht Tod dem General die Hand.
Bald aus deutschen Zügen dringt
Der Gestank von tausend Leichen.
Und dann auf Totenmessen singt
Die Politik von dem, was Frieden bringt.
So wie in London und Madrid,
Dort singen sie schon lange mit.
Danke auch der roten WAZ,
Dass ich mit Kummer geh ins Bett.
Denn als kapitale Wirtschaftsmacht
Gibt sie sorgfältig drauf Acht,
Dass unsre hehren Unternehmen
Sich gen Orient ausdehnen.
Ferner dank ich auch den Richtern,
Jenen übermenschlich Lichtern,
Die Auschwitzlügen sanktionieren,
Für’s eigne Portemonnaie zu töten, tolerieren.
Erhebt Euch Männer und auch Weiber
Und stellt zur Rede die Kriegstreiber!
Missachtet jene, die nichts machen
Und über die Moral nur lachen.
Sagt unsren Künstlern in das Ohr,
Dass Kunst auch andres bringt hervor,
Als Stund für Stund und Jahr für Jahr
Nur immer wieder l’art pour l’art!
Und geben Demokraten sich verlegen,
Dann haltet ihnen forsch entgegen:
Verwechselt nicht die Meinungsfreiheit
Mit bleierner Beliebigkeit!

VORHANG

© Aufführungsrechte beim Autor oder bei der WAZ; das ist im Grunde genommen egal.

Den Originalartikel können Sie hier als PDF herunterladen.