Auf dem Arbeitsamt
(Ein Blick in den Bauch von Ingo Munz. Im April 2004)

Mein Chef also rät mir, aufs Arbeitsamt zu gehen. Rote Banderolen hat man aufgezäumt – im Foyer des Arbeitsamtes. Es sieht aus wie in den »Kundencentern« der Bundesbahn, wie auf dem Postamt, wie in den fantastischen Freizeitparks in Rust, Paris oder Brühl. Sie wissen schon: Unmissverständlich weisen uns Absperrungen den Weg. Sie zeigen mir, wo ich mich anzustellen und wo zu warten habe. Doch ich habe Glück. Denn der mit roten Banderolen drapierte Gang ist verwaist. Es ist kurz vor halb vier. Das Arbeitsamt oder die Bundesagentur für Arbeit – wie auch immer dieses Monstrum nun heißen mag – schließt bald den Rachen. Ich kann, ohne zu warten, bis zum Mann am Informationsschalter durchgehen.
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„Hallo, ich komme wegen eines Gesprächs.“

„Haben Sie sich schon bei uns eingetragen?“ fragt mich der etwa gleichaltrige Mann.

„Nein, ich bin zum ersten Mal hier. Ich ... ich bin ... ich will eigentlich nur ein Gespräch führen, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, was man so tun muss. Ich will kein Geld, ich will nur wissen, was ich beachten muss, wenn mich irgendeiner einstellen möchte. Und, das wollte ich noch unbedingt sagen: bislang bin ich freiberuflich tätig gewesen. Außerdem gibt es Probleme, weil ich keine Krankenversicherung mehr habe.“

„Da müssen Sie mit unserer Hotline sprechen, die hilft Ihnen weiter.“

Der Mann deutet auf ein paar Tische inmitten des Foyers. Ich drehe mich um und sehe inmitten des Foyers tatsächlich ein paar beigefarbene Tische, darauf ein paar dunkelbraune Telefone. Hotline, Himmel, Hotline, geht es mir durch den Kopf. Ich kriege Panik und frage: "Kann man denn dort auch einen Termin für ein Gespräch vereinbaren?“

„Ja, ja, das geht.“

„Vielen Dank“, hauche ich. Insgeheim weiß ich, dass ich dort, dort an irgendeinem Telefon, nichts, wirklich nichts erreichen werde. Ich sitze inmitten des Foyers und lese:

»Nehmen Sie den Hörer ab. Sie werden sofort mit einem Ansprechpartner verbunden. Wir haben uns größte Mühen gemacht, die Anonymität zu wahren. Trotzdem mag es vorkommen, dass ein Dritter das Gespräch verfolgen kann.«

Ich nehme den Hörer ab, begutachte die größten Mühen der Agentur für Arbeit in Form einer ca. 80 Zentimeter hohen, beigefarbenen Umrandung meiner „Telefonzelle“ und erkenne die Stimme, die mich bereits letzte Woche durch das telefonische Kartenbestellprogramm von Bayer Leverkusen geführt hat. Ich blicke um mich: Bereits marschieren die Putzfrauen auf. Der Informationsschalter ist plötzlich mit vier Personen besetzt. Keiner wartet in dem mit roten Banderolen versehenen Gang. „Bitte warten“, haucht mir eine Stimme ins Ohr. Ich lege auf. Ich stehe auf, ich taumele. Ich gehe in Richtung Nichts. Ich sammle mich, ich blicke um mich, ich erkenne das Schild Ausgang. Ich nehme den Ausgang.

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