Begegnung mit Herrn Liehr

Nach Beendigung des zweiten Tages meiner Vertretung in einem "Deutschkurs für Spätaussiedler, Kontingentflüchtliche und Asylberechtigte" ließ ich mich erschöpft in den Sitz der Regionalbahn 38 fallen, zog aber bereits wenige Momente später die Financial Times hervor, um auch als mehr oder weniger gescheiterter Aktienhändler auf dem Laufenden zu bleiben, was die Märkte betrifft. Plötzlich setzte sich mir ein Mann gegenüber, den ich sogleich als Teilnehmer des insgesamt ca. 20-köpfigen Kurses identifizierte. Auch sein Name fiel mir ein, Herr Liehr. Ich lächelte Herrn Liehr zu, widmete mich aber unmittelbar darauf wieder der Zeitungslektüre. Bereits wenig später dachte ich: Du bist Abschaum und nicht anders als die anderen, wenn du jetzt weiter Zeitung liest und so tust, als ginge dich Herr Liehr außerhalb des Kurses nichts mehr an. Ich faltete die Zeitung zusammen, schaute auf und sagte in etwa: "Geht's jetzt auch nach Hause?". Herr Liehr nahm den Gesprächsfaden gerne auf. Ich erfuhr, dass er in Russland in den ersten Lebensjahren Deutsch gesprochen hat, bis die Russen dies verboten hatten. Die Russen hätten die Deutschstämmigen schlecht behandelt, daher wäre ihm auch die Universität verwehrt gewesen. Sein Deutsch sei auch deshalb so schlecht, weil er hier kaum Kontakt zu Deutschen hätte; er würde allerdings fast alles verstehen.

Mittlerweile waren wir in Wanne angekommen, wo wir beide in die gleiche S-Bahn umstiegen. Herr Liehr erzählte weiter, dass seine Mutter bereits seit sieben Jahren in Deutschland lebte und er vor einigen Monaten mit seiner Familie nachgekommen wäre. Ich sagte: "Haben Sie schon Arbeit gefunden, wenn ich fragen darf?" Herr Liehr antwortete, dass es hier für ihn keine Arbeit gäbe, er sei schon zu alt (ich schätze ihn auf höchstens 50), in den Stellenanzeigen würden sie immer nur Leute bis 35 suchen. Er sei von Beruf Flugzeugtechniker und habe in Kasachstan auf dem Flughafen gearbeitet. Mir kam der Begriff "Lufthansa" in den Sinn und der Gedanke, dass es möglicherweise eine ihn deprimierende Taktlosigkeit wäre, wenn ich ihn fragte, ob er sich dort schon beworben hätte. Dennoch sagte ich, als wir bereits in der S-Bahn saßen, eine Sinnlosigkeit wie "In Deutschland gibt's ja die Lufthansa", worauf er kaum reagierte. Ich schaute zur Seite (wir saßen uns genau gegenüber) und versuchte Assoziationsketten rund um die Begriffe Flugzeug und Flugzeugtechnik zu bilden in der Hoffnung, ihm vielleicht einen Tipp geben zu können. Aber schon bald bemerkte ich die Vergeblichkeit meines Nachdenkens. Mir wurde bewusst, dass der Gesprächsfaden mittlerweile bereits ziemlich lange abgerissen war. Je länger ein Gespräch durch Schweigen unterbrochen wird, desto schwieriger ist es, wieder anzufangen, weil man denkt, der andere denkt, dass das, was man nun sagt, nur dazu dient, das peinliche Schweigen zu beenden. Ich sagte jedenfalls nichts mehr, schaute aber Herrn Liehr einige Male an, wobei ich merkte, dass er kontinuierlich zur Seite blickte, als wolle er meinem Blick ausweichen. Ich hatte demnach Zeit, Herrn Liehrs Gesicht genauer in Augenschein zu nehmen und erkannte darin jene Melancholie und Traurigkeit, die auch in der sanften, verhaltenen Sprechweise zum Ausdruck gekommen war. Ich dachte: Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, kommt das Gespräch in jedem Fall auf das, was mich bewegt. So wird es auch bei Herrn Liehr gewesen sein. Wie oft hat er wohl schon über das Problem der Arbeitsfindung gesprochen und wie oft endete das Gespräch in einer Sackgasse - Lufthansadepressionssackgasse.
Dann will man irgendwann gar nicht mehr sprechen und dreht den Kopf zur Seite. Es sind die Dauerprobleme, die zu fortwährendem Kreisen in den ewig gleichen Gedanken führen - jenen Gedanken, in denen Herr Liehr jetzt wahrscheinlich kreiste - und die uns zermürben. Herr Liehr kämpft mit seinem Problem gegen die Zeit, was den Angriff auf das Selbstbewusstsein und die negative Einfärbung der Hintergrundemotionen noch zusätzlich verschärft. Ich wusste nun gar nicht mehr, wo ich hinschauen sollte, ich konnte ihn unmöglich weiter "anstarren", andererseits wollte ich nicht ebenfalls zur Seite schauen und ihm womöglich so den Eindruck vermitteln, dass mir seine Gegenwart unangenehm wäre. Also lehnte ich mich zurück, schloss die Augen und signalisierte damit Müdigkeit. Als der Ansager den nächsten Bahnhof ankündigte, an dem er aussteigen musste, wohingegen ich noch weiterfuhr, überlegte ich mir Abschiedsworte. Normalerweise hasse ich die vornehmlich von Ärzten, Vorgesetzten und vermeintlichen Profiverkäufern verwendeten Sätze, die mit dem Namen des Angesprochenen enden ("Wie geht es Ihnen, Herr Müller"), obwohl gar kein anderer da ist. Andererseits mag ich es, mit Namen angesprochenen zu werden, wenn damit die Überraschung verbunden ist, dass der andere meinen Namen kennt bzw. ihn behalten hat. Das bedeutet individuelle Wahrnehmung. Da ich den 20-köpfigen Kurs, wie eingangs erwähnt, erst zwei Tage hatte, würde Herr Liehr es möglicherweise als positiv empfinden - so schloss ich von mir auf ihn - wenn ich seinen Namen einfließen ließe. Der Zug bremste und ich verabschiedete mich - was mir selbst ganz seltsam vorkam - mit den Worten: "Dann bis morgen, Herr Liehr!"

Autor: Daniel Berg